Pflege in Zukunft nur noch für Vermögende?: Reichenforscher zählt Deutschland an | Geld

Deutscher Pflegepatient!

Deutschlands größte Generation geht jetzt in den Ruhestand – die Babyboomer. Doch das Pflegesystem ist bereits an seiner Grenze angelangt: Immer mehr Menschen brauchen Pflege, immer weniger Pflegekräfte.

Zudem wird die Pflege immer teurer. Können sich in Zukunft nur die Reichen eine angemessene und vor allem menschenwürdige Pflege leisten? BILD mit dem bekanntesten deutschen Vermögensforscher, Professor Dr. Thomas Derwin (65).

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Bild: Sie studieren eigentlich die Superreichen, aber jetzt haben Sie Studien zur Zukunft der Pflege gemacht. Millionäre und Fürsorge – wie passt das zusammen?

Professor Dr. Thomas Derwin: Pflege spielt eine Rolle in den Bereichen Alter, Krankheit, Unfall und Tod. Nichts erzeugt mehr Angst als diese Probleme. Dasselbe gilt für Multimillionäre und Milliardäre. Vielleicht haben diese Kunden mehr Angst, weil sie wissen, dass man Gesundheit nicht kaufen kann. “Wer aufgrund seiner finanziellen Möglichkeiten relativ unabhängig ist, reagiert sehr sensibel auf schwer beeinflussbare Bedrohungen.”

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Im veralteten Deutschland sollten das nicht wenige sein?

Darwin: Wir befinden uns jetzt in einer Situation, in der alle reichen Kinder in Rente gehen. Themen rund um Alter und Risiken werden automatisch auf die Tagesordnung gesetzt. Aus vermögenspsychologischer Sicht ist es sehr spannend zu analysieren, wie sich die Stimmung der Mächtigen angesichts einer persönlichen Bedrohung verändert. Diese Geisteshaltung hat viel mit unserer Zukunft zu tun, da Unternehmen, Beteiligungen und große Geldsummen vererbt oder weitergegeben werden. Dieser Nachfolgeprozess bestimmt das neue Gesicht unseres Unternehmens.

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Diagramm: Finanzielle Belastung einer Pflegekraft - Infografik

Klingt nach einem Meilenstein!?

Darwin: Aus dieser Sicht gehört das Thema Pflege und demografischer Wandel zu den häufigsten existenziellen Themen, die in Deutschland jahrzehntelang verdrängt wurden. Um diese zu beantworten, brauchen wir einen „Sonderpflegefonds“ oder „Pflegeboom“, um den Regierungsjargon zu verwenden.

Können sich in Zukunft nur die Reichen Pflege leisten?

Darwin: Wir befinden uns inmitten eines massiven Strukturwandels und sind international höchstens Mittelstand, insbesondere im Pflegebereich. Für Pflegebedürftige entstehen nun Mehrkosten, da die Eigenleistungen steigen. Auf der einen Seite versucht die Politik, faire Lohnabschlüsse zu schaffen und die Gehälter der Pflegekräfte massiv zu erhöhen. Andererseits werden hohe Kosten zunächst auf die Pflegebedürftigen abgewälzt. “Das ist sicherlich ein desaströses Lösungsmodell.”

Nach einer 12-Stunden-Schicht: eine Krankenschwester der Notaufnahme des Universitätsklinikums Essen

Nach einer 12-Stunden-Schicht: eine Krankenschwester der Notaufnahme des Universitätsklinikums Essen

Foto: Stephan Schütze

Gap 13 Millionen Pflegekräfte weltweit

Vor welchem ​​Szenario stehen wir?

Darwin: Es besteht die Gefahr, dass die Pflege für viele unerträglich wird. Einer der vielen Gründe ist der Mangel an Energie. Die Belastung für das Pflegepersonal ist enorm, und verständlicherweise wollen sich immer weniger Menschen darum kümmern. Obwohl die Zahl der älteren Menschen in unserem Land stetig zunimmt und damit das Risiko der Pflegebedürftigkeit, scheiden immer mehr Pflegekräfte vorzeitig aus und die Zahl der jungen Menschen nimmt ab. Hier ist bereits ein gefährliches Vakuum entstanden, eine Lösung ist nicht in Sicht. Wenn Sie sich naiv nur auf die Einwanderung verlassen, werden Sie sicherlich enttäuscht sein. Die WHO meldet derzeit eine Lücke von 13 Millionen Pflegekräften weltweit.

Was stimmt Ihrer Meinung nach grundsätzlich nicht mit Deutschland?

Darwin: „Aus zukunftspsychologischer Sicht geht es um ganz unterschiedliche Bewertungen von Pflege im Allgemeinen, je nach Sichtweise und Denkweise. Ob Politik, Versicherungen, Krankenhausträger, Krankenkassen, Non-Profit-Organisationen, Wissenschaft, Gewerkschaften, Gewerkschaften, Pflegekräfte selbst, die Bedürftigen selbst oder Angehörige. Jeder hat unterschiedliche Erwartungen und Interpretationen, die nicht auf eine gemeinsame Basis kommen.“

Wird die Pflegekatastrophe weitgehend ignoriert?

Darwin: „Wenn ein Thema von der Gesellschaft unterdrückt oder von persönlichen oder kommerziellen Interessen vorangetrieben wird, liegt grundsätzlich ein Problem vor. Krankenpflege ist ein klares Beispiel für Widerspruch. Niemand bezweifelt den Wert der Pflege, aber eine Neupositionierung funktioniert nicht. Psychologisch, vielleicht sogar unbewusst, wird die Fürsorge immer noch der Familie, den Frauen oder Kirchen und Wohltätigkeitsorganisationen überlassen.

Stecken wir also in alten Mustern fest?

Darwin: „Diese Denkweise ist wie ein Mühlstein, der Professionalität und Kompetenz als herausragenden Beruf und hochgeschätzte Dienstleistung verhindert. Im Allgemeinen bedeutet dies, dass die Krankenpflege als Hilfs- oder Laientätigkeit angesehen wird, was eigentlich eine Unverschämtheit ist. Es gibt viele spezialisierte Vorschläge für die Rolle und das Verständnis der Zukunft der Pflege. Aber sie werden aufgrund politischer und wirtschaftlicher Interessen vernachlässigt oder vernachlässigt.

Anwendungsbenutzer können an dieser Umfrage teilnehmen.

Eine Investition von 85 Milliarden Euro ist erforderlich

Wie kann der Versorgungskollaps überhaupt verhindert werden?

Darwin: „Der Kollaps ist längst überfällig. Anfang 1991 machte die Bundesärztekammer auf den Pflegenotstand aufmerksam. Seit Jahrzehnten wissen wir um Demografie und dass fast 20 Millionen Babyboomer jetzt und in Zukunft in den Ruhestand gehen. Wir wussten sehr genau, wie sehr der demografische Wandel das Gesicht unserer alternden Gesellschaft verändern würde. “Dieser Kollaps war absolut vorhersehbar.”

Aber?

Darwin: „Aber diese Katastrophe wird – offenkundig – immer noch von den Behörden heruntergespielt oder zum Sündenbock gemacht. In den nächsten zehn Jahren werden voraussichtlich 500.000 Vollzeitkräfte in Pflege und Pflege fehlen. Außerdem besteht Bedarf sind 300.000 Pflegeheime für den gleichen Zeitraum, so wird geschätzt, dass auch rund 400 Pflegeheime die Aufgabe verpassen.

Wie viel Geld sollte bewegt werden, um diese Herausforderungen zu meistern?

Darwin: Wir sprechen von notwendigen Investitionen von 85 Milliarden Euro. Wir haben derzeit 23 Millionen Menschen über 60 Jahre, und diese Zahl wächst schnell. Im Jahr 2030 wird es in Deutschland voraussichtlich mehr Erwerbstätige zwischen 65 und 74 Jahren geben als unter 20-Jährige. “Dieser Zusammenbruch betrifft im Grunde alle Generationen.”

84 % betrachten die Pflege als ein Schicksal, auf das man sich nicht vorbereiten kann

Außerdem legen die Deutschen kaum Geld für die Pflege beiseite – warum?

Darwin: Wir haben vor Kurzem eine Studie über die zunehmende Einstellung zur Kinderbetreuung veröffentlicht. 84% sind proaktiv nicht unterwegs, weil die Realität sowieso die Planung übersteigt. 77 % sind der Meinung, dass man es nehmen sollte, wie es kommt und 51 % fühlen sich beim Thema Pflege unwohl. Das ist die Realität.”

Sind Sie von den Ergebnissen überrascht?

Darwin: „In einer älteren Studie zur Wandlungsfähigkeit der Deutschen haben wir festgestellt, dass wir sehr flexibel und sehr sicherheitsorientiert sind. Wir wollen Berechenbarkeit, wir wollen wissen, dass sich unser Engagement lohnt. Im Stress- oder Katastrophenfall sind wir äußerst handlungsfähig und belastbar. Aber diese Fähigkeit hat auch eine emotionale und nervöse Kehrseite, das heißt: Abneigung gegen die Zukunft. Alles, was in Richtung Veränderung, Unvorhersehbarkeit oder Überraschung geht, ist für die meisten Menschen verunsichernd. “Deshalb sind wir in unserer Politik immer besonders spät dran.”

Anwendungsbenutzer können an dieser Umfrage teilnehmen.

Woher kommt die deutsche Zukunftsangst?

Darwin: „In den letzten zwanzig Jahren hat sich unsere Lebensweise durch Digitalisierung und Big Technology dramatisch beschleunigt. Veränderung ist natürlich und Gewissheit ist ein überholtes Modell. Das widerspricht grundlegend unserer Denkweise. Also müssen wir jetzt eine radikale Änderung vornehmen. „Prävention, Mut und die Bereitschaft, mehr zu lernen als Fehler, sind die Schlüsselwörter unserer Zukunft.“

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) leitet derzeit die Versorgung in Deutschland.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) leitet derzeit die Versorgung in Deutschland.

Foto: Christoph Soeder/dpa

Wie sollten sich die Deutschen mental und finanziell auf eine mögliche Pflegebedürftigkeit vorbereiten?

Darwin: Wir müssen von der Reaktion zur Prävention übergehen. Bessere Informationen und Fotos kann man nie bekommen. Dann müssen Sie eine aktive Entscheidung treffen. “Wer sich in jungen Jahren kümmert, kann bald siebzig Jahre lang pflegen.”

Das wird wohl nicht reichen…

Darwin: „Gleichzeitig müssen wir aufhören, scheinbar schlimme Themen zu unterdrücken. Altern, Altersarmut, Krankheit und Tod gehören zum Dasein einer Gesellschaft, die heute 30 Jahre länger leben darf als unsere Vorfahren. Dabei geht Fürsorge weit über die Versorgung Bedürftiger hinaus. Der Umgang miteinander ist ein menschliches und moralisches Konzept. Jeder Bürger, auch junge Menschen, sollten sich überlegen, wie sie in zehn Jahren leben wollen. „Entweder wir erschaffen die Zukunft selbst oder sie stürzt wie ein Komet auf uns ein.“

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